Leitartikel: Abschied vom kontinuierlichen Veränderungsprozess

- Veränderung = Verbesserung?
Veränderung bedeutet nicht unbedingt Verbesserung. Auf den ersten Blick scheint das einfach und banal.
Aber sind es nicht die einfachen Erkenntnisse, die oft zu signifikanten Paradigmenwechsel in Organisationen führen?
Liebe Leser,
als ich vor einigen Jahren in einem mittelständischen Familienbetrieb als Geschäftsführender Gesellschafter einstieg, war ich begeistert über die Mitarbeiter, die den kontinuierlichen Verbesserungsprozess mit den magischen drei Buchstaben KVP vorantrieben.
Eines Morgens musste ich aufgrund einer wichtigen Kundenreklamation eine kurzfristige Besprechung einberufen und war etwas ungeduldig, da die dazu notwendigen Mitarbeiter nicht sofort im Besprechungsraum erschienen. Nachdem wir die knifflige Kundenreklamation gemeinsam gelöst hatten fragte ich in die Runde, was denn heute Morgen so wichtig war. Die Antworten waren sehr zufriedenstellend.
Unser Fertigungsleiter bereitete sich mit der Qualitätsbeauftragten auf das übermorgen stattfindende externe Zertifizierungsaudit vor, der Konstrukteur war in einer Besprechung bei der es darum ging, Vorlagen für die Konstruktion zu erarbeiten, damit wir schneller konstruieren können, der NC Programmierer hatte ein wichtiges Telefonat, bei dem es um die Optimierung unseres NC Programms ging, damit wir schneller Tieflochbohren können und unsere Einkaufsleiterin hatte mit dem Wareneingang ein wichtiges Gespräch, da der dortige Prüfer anscheinend zu viel Zeit mit dem Nachmessen von Teilen benötigte. Ich war sehr zufrieden, da sich ja alle mit der Weiterentwicklung des Unternehmens beschäftigten und entschuldigte mich für meine Ungeduld zu Beginn des Meetings.
Zuhause angelangt, erzählte ich meiner Frau stolz wie engagiert die Mitarbeiter im Betrieb sind und woran die Einzelnen gerade arbeiteten. Dann warf mich die anschließende Frage von Ihr allerdings aus meinem Konzept:
" Wer macht eigentlich bei Dir das Tagesgeschäft, wenn sich so viele Mitarbeiter um KVP-Themen kümmern?" Sie ergänzte:
„Woher weißt Du eigentlich, dass die Aktionen etwas bringen?“ und
"Du hast doch noch letzte Woche gesagt, dass das größte Potenzial in der Montage und bei den Schlichtmaschinen liegt, was bringt es Dir dann, wenn die NC Programme für das Tieflochbohren optimiert werden und Du das Zertifizierungsaudit wieder mit Null Abweichungen bestehst?“
Genau dass sind die Fragen, die man sich Zuhause wünscht. Ich hatte keine richtige Antwort parat. Wir messen zwar unsere KVP Aktivitäten und in Summe bringen Sie uns auch voran und in der Vergangenheit haben wir dadurch viele Kosten gespart. Aber es sind zugegebener Maßen auch sehr viele Themen dabei, die wir nicht greifen können. Mir drängte sich sogar die Frage auf, ob man in unserem Unternehmen unter dem Vorwand KVP nicht alles machen konnte. Jede KVP Aktion kostet Geld und Zeit. Die Zeit die die Mitarbeiter in KVP Meetings verbringen messen wir in der Tat nicht. Diese Fragestellungen brachten mich zum Nachdenken.
Sie auch?
Frohes schaffen!
Ihr Holger Lörz

- Was soll die Veränderung bringen?